Geisternetze sind kein Seemannsgarn

Das Problem
Nach einem Sturm findet der Strandspaziergänger an den Stränden neben den üblichen Plastikabfällen und Zigarettenkippen auch Teile von Fischernetzen. Die leuchtend bunten Plastikfäden stammen vor allem von den so genannten „Dolly Ropes“. Das sind unter den Fischernetzen gespannte Scheuerfäden, welche die Fischernetze vor dem Durchscheuern bewahren, wenn diese über den Meeresgrund schleifen. Aber auch Teile von großen Fischernetzen werden an die Strände gespült. Teilweise befinden sich in diesen Teilen auch Tierkadaver, die in den sogenannten Geisternetzen qualvoll verendet sind. Geisternetze gibt es erst seit den 50er Jahren.

 

Fischfang im Wandel der Zeit
Das romantische Bild des Fischers, der aufs Meer hinaus fährt und mit seinem Fang wieder in den Hafen einläuft, gehört seit langem der Vergangenheit an.
Damals hing es von der Erfahrung der Fischer und der Kapazität des Fischerbootes ab, wie viele Fische gefangen wurde. Zu dieser Zeit bestanden Fischernetze auch noch aus Naturfasern, wie Sisal. Wenn damals ein Netz verloren ging und nicht wieder an Bord geholt werden konnte, dann löste es sich im Verlauf der Jahre komplett auf.
Heute wird der Fisch mit ausgeklügelten elektronischen Mitteln geortet und mit riesigen Netzen aus Kunstfasern gefangen. Ein Entkommen ist kaum möglich.

Die Netze bestehen seit den 60er Jahren aus strapazierfähigem Kunststoff, welcher erst nach 400 – 600 Jahren zerfällt. Alle Netze aus Kunststoff, die seit den 60er Jahren über Bord gingen, an Felsen und Wracks hängen blieben oder auch bewusst über Bord geworfen wurden, schwimmen immer noch in den Weltmeeren umher und tun das, wofür sie entworfen wurden – sie töten Lebewesen.
Ob Seehunde und Delphine sich darin verheddern oder die Plastikteile als Nahrung ansehen, das Ergebnis ist das Gleiche. Die Tiere ertrinken oder verhungern auf qualvolle Weise. Selbst wenn die Netze durch das Meerwasser und Sonneneinstrahlung porös werden und in immer kleinere Teile zerfallen, können sie noch den Tod bringen, weil dann kleinere Lebewesen diese Teilchen für Futter halten, sie fressen und mit viel Plastik im Magen verhungern. Selbst Seevögel entkommen den Geisternetzen nicht. Basstölpel auf Helgoland bauen ihre Netze zum größten Teil aus im Meer treibenden Kunststofffasern. Das mag ja schön bunt aussehen, wird jedoch in jedem Jahr etlichen Basstölpeln zum Verhängnis. Laut dem Naturfotografen Thomas Häusler gab es allein 2019 auf Helgoland ca. 40 tote Tiere durch Strangulation.

 

Geisternetz contra Wattestäbchen
Es gibt viele unterschiedliche Angaben dazu, wie hoch der Anteil der Fischereihinterlassenschaften aus Plastik an der Gesamtmenge des in den Ozeanen treibenden Kunststoffes ist. Klar wird, dass Wattestäbchen nicht unser größtes Problem sind. „In der Nordsee sind 40 Prozent des Mülleintrags auf die maritime Industrie, die Schifffahrt und besonders die Fischerei zurückzuführen.“ (Quelle: Plastikatlas)

Je nach Quelle wird die Höhe des Anteils mit 10-40% angegeben. Am höchsten scheint der Anteil von Fischereimüll aus Plastik im Great pacific garbage patch zu sein. Hier wird dieser Anteil mit 46% beziffert. Die Angaben hängen stark von der Quelle ab, und davon, wer die Untersuchungen in Auftrag gegeben hat. Aber egal, welche Zahlen genannt werden – sie sind zu hoch.

Beifang klingt so unschuldig
Der Fischfangindustrie gehen nicht nur die Nahrungsmittel für Menschen ins Netz. In den riesigen Netzen verfängt sich alles, was im Wasser lebt. Bestimmte Arten von Netzen werden über den Meeresboden geschleift und hinterlassen dort nichts als Vernichtung. Alles wird platt gewalzt.
So werden auch Arten, die eigentlich gar nicht auf dem Speiseplan der Menschen stehen, bedroht. Unzählige Delphine, kleine Wale, Schildkröten und andere Lebewesen geraten in die gigantischen Fischnetze. Dies wird lapidar als Beifang bezeichnet. Der große Teil dieses Beifangs wird bereits tot wieder ins Meer geworfen. So sind dadurch z.B. 6 von 7 Arten der Meeresschildkröten vom Aussterben bedroht.

Nackte Tatsachen
Viele interessante und auch erschreckende Informationen kann man z.B. dem Film „Seaspiracy“ entnehmen (aktuell auf „netflix“ zu sehen). Wenn die Fischfangindustrie so weiter arbeitet, wird es Konsequenzen haben kann, die sich viele Menschen nicht vorstellen können. Der Film bestätigt auch, dass ein großer Anteil an Plastik in den Ozeanen aus Geisternetzen und anderen Kunststoffabfällen der Fischfangindustrie besteht.

Eine Aussage aus dem Film „Seaspiracy“, die besonders nachdenklich macht: „Wir führen Krieg gegen die Ozeane, wenn wir gewinnen, können wir alles verlieren.“ Zitat: Cyrill Gutsch (Gründer von Parley for the Oceans).

Die Meere könnten bis 2050 so überfischt sein, dass sich industrieller Fischfang nicht mehr lohnt. Die Probleme, die entstehen, wenn der unkontrollierte Raubbau in den Meeren so weiter geht, kann sich kaum jemand ausmalen.
So ist allein die Existenz der Wale enorm wichtig, denn sie sorgen für das Wachstum des Phytoplankton.
Pflanzliches Meeresplankton erzeugt nicht nur etwa die Hälfte des gesamten Sauerstoffs in der Atmosphäre – es absorbiert jedes Jahr ungefähr 37 Milliarden Tonnen CO². Das entspricht rund 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Um dieselbe Reinigungsleistung zu erreichen, bräuchte man vier Amazonas-Regenwälder. GEO online
Das Phytoplankton kann nur aber nur da florieren, wenn es genügend Nährstoffe im Wasser gibt. Und hier kommen die Wale – vor allem die Pottwale – ins Spiel. Sie sorgen durch ihre vertikalen Bewegungen bei der Nahrungssuche und auf ihren Wanderungen dafür, dass durch ihren Kot wichtige Nährstoffe, wie etwa Eisen und Stickstoff, in die oberen, lichtdurchfluteten Wasserschichten gelangen. Sie sind sozusagen die „Nährstoffpumpe“ der Ozeane.
Würden die Wale aussterben, hätte das unter anderem dramatische Folgen für die CO²-Aufnahmekapazität der Meere.

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich Fischschwärme auf ihren Zügen auch horizontal durch die unterschiedlichen Wasserschichten in den Ozeanen bewegen. Durch den entstehenden Sog vermischen sich kältere mit wärmeren Wasserschichten. Dadurch wird die Wassertemperatur reguliert. Fehlen diese Fischschwärme, steigt die Temperatur des Wassers viel schneller als bisher.

Lösungsansätze

Es gibt viele Menschen, die unermüdlich dabei sind, die angeschwemmten Geisternetze und andere Kunststoffteile von den Stränden und aus dem Meer zu entfernen.

Die Organisation „Healthy Seas“, mit denen wir auf Sylt schon einen Workshop für Schüler veranstaltet haben, verfolgt das Ziel, die in der Nordsee und im Mittelmeerraum befindliche Müllreste und Fischernetze zu entfernen und diese in spezielle Nylon-Fasern umzuwandeln, die als Rohstoff für nachhaltige Produkte wie Strumpfware, Badebekleidung, Unterwäsche und Teppiche gebraucht werden.

Eine der Organisationen, die mit speziellen Schiffen Plastik aus dem Meer holt, ist „One Earth One Ocean“.
Nicht zu vergessen sie NGO Sea Sheperd, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Meere zu schützen. Und es gibt noch viele andere Menschen und Organisationen, die sich mit der Gesundheit der Ozeane beschäftigen.

Wie von Bye Bye Plastik  führen regelmäßig Aktionen durch, um Plastik, inklusive Fischernetze, aus der Natur zu entfernen. Wir übergeben die Netze an Bracenet,  dort werden die Netze gereinigt und es werden Armbänder und andere Accessoires daraus gefertigt. Die Erlöse werden teilweise für die Bergung von weiteren Netzen eingesetzt.

 

 

Dr. Sylvia Earle (Meeresbiologin, Ozeanografin, Entdeckerin) beantwortet die Frage, was jeder Einzelne tun kann, wie folgt:  „Indem wir das respektieren, was wir haben, das schützen was bleibt und dafür sorgen dass keine Lebensform mehr untergeht. Die meisten positiven und die negativen Dinge die die menschliche Zivilisation verändern, beginnen bei jedem Einzelnen. Keiner kann alles, aber jeder kann etwas tun. … Sehen Sie in den Spiegel, denken Sie nach und dann los.“

Autorin: Bye Bye Plastik „Mover“ Petra Beck aus Kiel, Plastikfrei leben