Autorin: MOVERIN Susanne Dombret
Die Plastikmassen, die weit entfernt im südlichen Asien ins Meer gelangen, gehen auch uns etwas an.
Über kurz oder lang schädigt dieses Plastik nicht nur die dortigen Ökosysteme, sondern verteilt sich durch die Meeresströmungen auf dem gesamten Planeten. Es gibt also im Hinblick auf Plastikmüll im Ozean kein „fernab von“ mehr, kein Meeresparadies, das von der Verschmutzung unberührt bleibt.       


Warum gelangt in Asien so viel Plastik ins Meer?

Zur Einordnung erst einmal kurz die Geschichte der Plastikproduktion in den letzten Jahrzehnten. 1950 wurden weltweit ca. 1 Mio t Plastik hergestellt. 50 Jahre später waren es schon 200 Mio. t und 2020, nur 2 Jahrzehnte später, hatte sich die jährliche Produktion auf fast 400 Mio t erhöht.

Geschätzt mehr als 100 Mio. t davon fanden seit der Erfindung des Plastiks ihren Weg in die Ozeane. Jedes Jahr kommen laut neuesten Zahlen des Alfred-Wegener-Instituts zwischen 19 und 23 Mio. t neu dazu. 50% des gesamten sich in den Weltmeeren befindlichen Plastiks gelangten allein in den vergangenen 15 Jahren hinein, zurückzuführen auf die explosionsartig steigende Plastikproduktion und parallel dazu der Plastikverpackungen. Während Schifffahrt und Fischereigerät einen erheblichen Anteil des Plastiks in den Meeren verantworten, gelten Küsten und vor allem Flüsse als die Haupteintragsquellen.

Nur 10 Flüsse weltweit verursachen 90 % des Plastikeintrags (aus Flüssen) in die Meere, 8 davon liegen in Asien. Geschätzt bis zu 60% des globalen Plastikeintrags findet durch 5 Länder statt –  Philippinen, China, Indonesien, Vietnam, Thailand. Lediglich 25 % des weltweiten Meeresplastiks gelangt außerhalb Asiens in die Ozeane. Diese starke regionale Konzentration ist erschreckend, macht aber auch die Ursache der Problematik deutlich und weist den Weg zu Lösungen.

Noch Ende der 1980er Jahre waren hauptsächlich Fahrräder in den Straßen Pekings zu beobachten. Ebenso gab es kaum in Plastik verpackte Nahrungsmittel zu kaufen. Mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Asiens und dem einhergehenden steigenden Wohlstand in China wie auch anderen asiatischen Ländern kam es zu einem veränderten Konsumentenbewusstsein und einem Wertewandel in der Gesellschaft. Plastikverpackungen galten als sauber und hygienisch und wer es sich leisten konnte, kaufte nun plastikverpackte Lebensmittel.
Asien entwickelte sich, auch für multinationale Konzerne, zu einem riesigen neuen Absatzmarkt für einwegverpackte Nahrungsmittel, darunter auch Einwegwasserflaschen. Ein Beispiel: 1998 wurde Nestle Pure Waters gegründet, ursprünglich mit dem Ziel des Vertriebs von sauberem Trinkwasser in Flaschen in den damaligen sogenannten Entwicklungsländern. Der gesamte Markt für „bottled water“, abgefüllt hauptsächlich in PET Flaschen, wächst bis heute trotz der klaren Umweltproblematik in Asien weiter, allein in China 2018 um 8% im Vorjahresvergleich. Neue Produkte wie Fitness Getränke, Wasser mit Vitaminzusätzen, lassen die Nachfrage kontinuierlich steigen.

Nicht zu vergessen ist der Export riesiger Mengen von Plastikmüll aus den Industrieländern nach Asien, hauptsächlich China (Einfuhrstop 2018), zum Zwecke des Recyclings. Dies fand aber oft nicht statt, der Müll wurde statt dessen verbrannt oder ungesichert deponiert.

Jahrelang wuchsen also die Müllberge, nicht aber in ausreichendem Maße die Investitionen in die benötigten Abfallentsorgungs- und Wiederverwertungssysteme (Müllmanagement). Selbst eingesammelter Müll landete und landet immer noch viel zu oft in der Natur, da häufig auf ungesicherten Abfalldeponien abgeladen. Durch den Regen, besonders den Monsun in den Sommermonaten, wird der Müll in die Flüsse gespült und von dort ins Meer.

Auch in Europa gab es in den 1980er Jahren noch ungesicherte Mülldeponien zu Hauf, von denen Plastiktüten und andere Plastikteile ins Meer gelangten. Das änderte sich zum einen mit dem Bewusstsein, dass Plastik, einmal in der Umwelt und im Meer, nicht verschwindet. Zum anderen investierten die Staaten viel Geld in ein leistungsfähigeres kommunales Müllmanagement. Etwa 4% des kommunalen Haushalts eines Landes mit hohen Einkommen fließt in die fachgerechte Entsorgung der Siedlungsabfälle. Im Vergleich dazu kostet es in Ländern mit niedrigen Einkommen ganze 19% des kommunalen Budgets! Das macht deutlich, wie schwierig es für ärmere Länder ist, ein funktionierendes Abfallmanagementsystem einzuführen. Es fehlen einfach die staatlichen Gelder. Außerdem: in Asien, anders als in den europäischen Ländern, gibt es keine Produzentenverantwortung hinsichtlich der von den Herstellern in Umlauf gebrachten (Plastik-) Verpackungen. In Europa zahlen Hersteller von Einwegverpackungen festgelegte Gebühren, die das Abfallmanagement mitzufinanzieren. Das braucht es dringend auch für den in Asien anfallenden Müll. Den Kommunen würde es beim Auf- und Ausbau eines effizienten Müllmanagements deutlich helfen.

Dieses effiziente Müllmanagement ist für gesunde maritime Ökosysteme überlebenswichtig. Andernfalls geht die geschätzte weitere Verdopplung der weltweiten Plastikproduktion bis 2040 mit einer Vervierfachung!! des Plastikmülls in den Meeren einher.  

Deshalb – Verzicht auf Einwegplastik reduziert die Müllberge. Effiziente Abfallverwertungs-und
-entsorgungssyteme stoppen Plastik an Land.  

Quellen:
https://www.awi.de/ueber-uns/service/presse/presse-detailansicht/die-globale-plastikflut-erreicht-die-arktis.html

https://themenspezial.eskp.de/plastik-in-gewaessern/handlungsoptionen/muellmanagement-in-asien-93728/

https://openknowledge.worldbank.org/handle/10986/30317 ,

https://www.worldbank.org/en/news/feature/2018/06/08/planet-over-plastic-addressing-east-asias-growing-environmental-crisis

https://www.unep.org/resources/pollution-solution-global-assessment-marine-litter-and-plastic-pollution

Plastikmüll im Meer – die wichtigsten Antworten | WWF

https://www.eskp.de/schadstoffe/plastikmuell-im-meer-die-loesung-liegt-in-asien-935929/

https://www.ufz.de/index.php?de=36336&webc_pm=34%2F2017

https://www.mckinsey.com/business-functions/sustainability/our-insights/stemming-the-tide-land-based-strategies-for-a-plastic-free-ocean#

https://www.recyclingmagazin.de/2020/04/27/studie-ueber-verantwortung-fuer-plastikflut-in-asien/

https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2021/05/28/asean-member-states-adopt-regional-action-plan-to-tackle-plastic-pollution